9. Januar 2009
Experten-Interviews, Teil 17: Christoph Beer, ICT Cluster Bern
“Cluster-management is a passion and not a profession!”
Der Schweizer Christoph Beer* ist “bester Clustermanager Europas”. Ein Gespräch über Schweizer Erfahrungen, Unterschiede zwischen den deutschsprachigen Ländern und europäische Erfordernisse in der “Cluster-Politik”.
Lieber Christoph Beer, Sie sind auf der zweiten “Europe INNOVA Conference” im Oktober letzten Jahres als “bester Clustermanager Europas” ausgezeichnet worden, wozu ich Ihnen sehr herzlich gratulieren darf! Und vielleicht wollen Sie unseren Leserinnen und Lesern auch erzählen, was man tun muss, um diese Auszeichnung zu erreichen …
Christoph Beer: Lieber Franz Zuckriegl, um den Europe Innova Award zu gewinnen, musste ich als erstes durch drei Personen nominiert werden. Anschließend beurteilte die Jury die eingereichten Vorschläge nach unterschiedlichen Kriterien. Dies bedeutet einerseits, dass der Cluster** und dessen Manager eine gewisse Visibilität besitzen muss und andererseits, dass die Clusteraktivitäten zielgerichtet und für die Mitglieder nutzbringend implementiert werden konnten. Die Verleihung des Awards ist aber auch eine Auszeichnung des ganzen Teams, sprich des Cluster-Boards und meiner Assistenz Jeanette Wengler. Ohne deren Unterstützung könnte ich meine Tätigkeiten nicht so erfolgreich umsetzen. Mein persönlicher Leitsatz, der mich immer begleitet, lautet: “Cluster-management is a passion and not a profession!”
Sie sind schon sehr lange in der Entwicklung und im Management von Clustern und Netzwerken in der Schweiz aktiv. Welche Unterschiede sehen Sie denn in den grundlegenden Cluster-Strategien zwischen der Schweiz, Österreich und Deutschland?
Christoph Beer: Grundsätzlich verfolgen alle drei Länder dieselben Ziele und Strategien: Der Cluster** unterstützt ein Thema in einer Region. Die Umsetzung erfolgt jedoch sehr differenziert. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel erfolgen die Cluster-Aktivitäten mit sehr großer finanzieller Unterstützung des Landes. In Österreich basieren die Strategien auf längerer Erfahrung, die Aktivitäten der Cluster werden meist in Management-Organisationen, die zur Wirtschaftsförderung gehören, zusammengefasst, wie z.B. in der Clusterland Oberösterreich GmbH. Die Schweiz wiederum kennt zurzeit noch keine “nationale Cluster-Strategie”, wobei einzelne Regionen natürlich sehr aktiv sind. In der Region Bern wurde die erste Cluster-Initiative (tcbe.ch - ICT Cluster Bern, Switzerland) bereits im Dezember 1996 gegründet. Eine wichtige Differenz ist sicherlich die finanzielle Unterstützung der Öffentlichen Hand und die sehr starke Integration der Mitglieder.
Ich darf da gleich nach Ihrer persönlichen Erfahrung im ICT Cluster Bern fragen: Wie war die Situation gerade in der Anfangsphase des Clusters, was waren die entscheidenden “Meilensteine” für den langfristigen Erfolg?
Christoph Beer: Bei der Gründung des Clusters vor 13 Jahren war ich noch nicht aktiv dabei. Ich darf den Cluster seit rund acht Jahren betreuen. Einer der wichtigsten Faktoren in der Anfangsphase war sicher das gemeinsame Bedürfnis nach gut ausgebildeten Fachkräften. Dies war für die Mitglieder auch ein “neutrales Thema”, das im Interesse aller Beteiligten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Behörden lag. Danach fand eine stete Weiterentwicklung statt. Ein Schwerpunkt lag auch im Networking und Vertrauensaufbau. Hier darf ich ein Zitat unseres Präsidenten Dr. Rolf Portmann verwenden: “Zu Beginn des Clusters handelten unsere Mitglieder wie John Wayne, jeder kämpft gegen jeden. Unser Ziel ist jedoch Bonanza: Wir kämpfen als Team”. Weitere Schwerpunktsthemen sind sicher auch die Internationalisierung (Wirtschaftsexkursionen, EU-Projekt NICE, usw.), der Wissens- und Technologie-Transfer und die Partnersuche. Im Laufe der Zeit fand auch eine Verschiebung der Aktivitäten statt. Zu Beginn war die Promotion des Standortes wichtiger und nun ist der Nutzen der Mitglieder stärker im Focus.
Im klassischen Cluster gibt es das Interessens-Dreieck Politik-Wirtschaft-Wissenschaft. Wo liegen die Schwerpunkte im ICT Cluster Bern? Wie unterstützt die Politik die Projekte der Unternehmen und der Universitäten bzw. Forschungseinrichtungen, und wie arbeiten Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft im Cluster-Alltag zusammen?
Christoph Beer: Grundsätzlich arbeiten alle drei Player sehr gut zusammen. Wir haben in unserer Region die Berner Fachhochschule und die Universität Bern, als Hauptstadt sind natürlich auch alle Behörden in unserer Region vereint. Die kantonale Regierung ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für uns. Wir arbeiten sehr eng mit ihr zusammen und zwar mit Hilfe eines Leistungsauftrages. Einerseits sichert uns dies bei einem Gesamtbudget von rund 150.000 Euro einen minimalen Sockelbeitrag und andererseits haben wir einen Rahmen für Projekte, welche teilweise auch co-finanziert werden. In diesem Fall müssen die Projekte aber auch einen Mehrwert für die Region generieren. In der politischen Agenda ist das Thema gut angesiedelt und erhält auch den notwendigen “Rückenwind”. Wichtig ist auch hier, dass in unserem Cluster-Board sowohl Vertreter der Hochschulen, der Firmen als auch der Behörden sind. Dadurch werden die Wege kürzer und einfacher. Der Cluster agiert als Public Private Partnership (PPP), swohl bei den finanziellen Aspekten, als auch bei der Vertretung im Board.
Wie sieht denn die mittel- und langfristige Strategie des ICT Clusters Bern aus, auch im Hinblick auf eine gesamt-schweizerische Clusterstrategie?
Christoph Beer: In der Schweiz ist wie gesagt keine “gesamtstaatliche Strategie” angedacht, das passiert bei uns in den Kantonen oder Regionen. Im Kanton Bern beispielsweise ist die Cluster-Politik im Wirtschaftsförderungsgesetz verankert. Unsere Cluster sind als Vereine organisiert, das operative Clustermanagement macht die innoBE AG, an der zur Hälfte die Wirtschaft mit den Unternehmen und Verbänden und zur anderen Hälfte die Wissenschaft in Form der FH und Uni Bern beteiligt sind.
Unser Cluster ist übrigens der älteste Schweizer Cluster, gefolgt vom Medical Cluster (MC), dem Wirtschaftsberatungscluster (WBCB) und im Januar 2006 startete im Vollbetrieb als jüngster Cluster der “Präzisionscluster“, ab 2009 wird das Cluster-Management ebenfalls durch die innoBE AG erfolgen. Der Präzisionscluster beschäftigt sich vor allem mit Mikrotechnik und Zulieferern für die Uhrenbranche, also einer alten Kernkompetenz der Schweiz.
Welche Notwendigkeit sehen Sie, die Clusterinitiativen auf europäischer Ebene zu koordinieren?
Christoph Beer: Eigentlich gar keine, denn ich brauche keinen Koordinator, sondern einen Motivator. Die Aktivitäten im Clusterbereich müssen aus eigenem Antrieb der Beteiligten entstehen, da hilft die reine Koordination gar nichts. Aus meiner Erfahrung gesprochen ist es einfach wichtig, dass die Menschen zusammen kommen in einem Cluster; natürlich auch über Grenzen hinweg. So haben wir etwa im Projekt “NICE - Networking ICT-Clusters in Europe” mitgearbeitet und wir machen mit unseren Cluster-Mitgliedern auch Exkursionen nach ganz Europa, auch um Partnernetze mit aufzubauen. Der wahre Erfolg solcher Vernetzungen liegt im menschlichen Faktor: Auf solchen Exkursionen sind auch die Ehepartner der CEOs dabei und wir lernen so eine andere Geoographie, Technologie, Kultur und Wirtschaft kennen. Und erst aus diesen neuen Kontakten können sich neue grenzüberschreitende Geschäfte und Partnerschaften anbahnen.
Die Aktivitäten von Europe Innova und Pro Inno Europe gilt es ebenfalls im Auge zu behalten, denn dort werden solche Motivationsfaktoren sehr positiv unterstützt und es existiert ein gutes Netzwerk von clusterorientierten Personen aus allen Bereichen. Auch die Weltvereinigung TCI, The Competitiveness Institute, ünterstützt dieses Thema perfekt. Ürigens: Eine gute Möglichkeit, die Cluster-Community zu treffen, ist der jährliche Weltkongress, der 2009 vom 22. bis 26. Juni in Leipzig stattfinden wird.
* Seit 2002 arbeitet Christoph Beer in den Bereichen StartUp’s, Innovations-Management und Cluster-Management bei der innoBE AG als Mitglied der Geschäftsleitung. Er hat über 20 Jahre Erfahrung im ICT-Sektor und arbeitete in verschiedenen Positionen, zum Beispiel: International Management Consulting, Entwicklung von Business-Applikationen, R&D in der Elektronik. Er hat einen technischen Background (Elektronik und Informatik) mit einem Nachdiplomstudium in Betriebswirtschaft. Bei der innoBE AG ist er verantwortlich für die Bereiche Innovation und Cluster. In dieser Funktion ist er ebenfalls Cluster-Manager des tcbe.ch - ICT Cluster Bern, Switzerland und des Wirtschaftsberatungs-Cluster Bern (WBCB), er ist das Cluster-Interface in der Region. Als Research Fellow des Instiuts für Arbeit und Technik Gelsenkirchen (DE) nimmt er auch Einblick in die Wissenschaft und spiegelt seine Erfahrungen. Er ist der Gewinner des Europe Innova Cluster Manager Awards 2008. Zusätzlich ist er als Vorsitzender der Geschäftsleitung der RFIDnet Bern Gmbh, als Präsident der Vereine Swiss Alps 3000 und Pro Paraboat aktiv.
** In Österreich und der deutschsprachigen Schweiz heißt es DER Cluster; in Deutschland DAS Cluster. Bei der Mehrzahl sind wir uns alle einig, das sind dann DIE Cluster.
(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2009
Tags: clusterboom, clustermanagement, clustermodell, europa, kommunale wirtschaftsstrategie, Politik
5. November 2009
[…] Cluster-Organisationen gefördert werden. Initiator, Gründungsmitglied und Vorsitzender ist Christoph Beer, Geschäftsführer des Schweizer tcbe – ICT Cluster […]