23. März 2009
Experten-Interviews, Teil 21: Walter Freudenthaler, ecoplus Niederösterreich
Mag. Walter Freudenthaler* ist Leiter des Geschäftsfeldes Unternehmensnetzwerke und Cluster bei der landeseigenen niederösterreichischen Wirtschaftsagentur ecoplus. Seit Ende der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts plant, steuert und begleitet Freudenthaler den Aufbau von Clusterinitiativen im größten österreichischen Bundesland. Mittlerweile gehen die Clusterinitiativen über Bundesländergrenzen hinaus und wollen auch “Anlaufstelle in Krisenzeiten” sein. Ein Gespräch mit Walter Freudenthaler über praktische Erfahrungen und Zukunftsszenarien.
Lieber Mag. Freudenthaler, wenn Sie sich zurück erinnern: Wie war das in der Anfangszeit der Clusterentwicklung in Niederösterreich?
Begonnen hat die Geschichte Ende der Neunzigerjahre, ich war damals für den Bereich Regionalberatung in der ecoplus verantworlich und wir haben gesehen, welche Erfahrungen es in der Steiermark und Oberösterreich gab. Wir haben dann 1999 mit der Sondierung für den Holz Cluster begonnen. Es hat also mit diesem konkreten Thema begonnen, weitere vermutete Stärkefelder wurden in den darauffolgenden Jahren nacheinander sondiert. Im Jänner 2001 startete der Holz Cluster mit den Kernthemen innovativer Holzbau und Möbeldesign, wobei gerade im Holz Cluster die Kooperationsidee, auch unter Konkurrenten im Tischlerbereich, sehr gut angenommen wurde.
Im November 2001 entstand dann, inspiriert durch das steirische Vorbild, der ACVR, Automotive Cluster Vienna Region. Für Niederösterreich und Wien war dieses Projekt allerdings nur mit einer speziellen Positionierung interessant und es war auch die erste Kooperation mit dem Bundesland Wien. Der inhaltliche Fokus lag in den Themenbereichen Automobil, Verkehrswege und Verkehrsmittel inkl. des öffentlichen Verkehrs, zusammen gefasst im Themenfeld “Intelligente Verkehrswege und Verkehrsleitsysteme”.
Was sich ja nicht lange gehalten hat …
2004 stellte sich heraus, dass diese Positionierung zu breit war. Wir haben uns dann wieder auf den klassischen Automotive- und Zuliefer-Sektor konzentriert, allerdings mit internationaler Ausrichtung.
2002 startete als nächster Cluster in Niederösterreich der Wellbeing-Cluster mit Schwerpunkt Präventions- und Gesundheitstourismus. Das war der erste Dienstleistungscluster und es war keine einfache Sache. Wir haben rund 50 Betriebe und nochmals so viele Zulieferer aus der Gesundheitsbranche zusammengeholt und v.a. mit Qualifizierungsmaßnahmen zur Qualitätsweiterentwicklung begonnen und uns auch an der Initiative “Best Health Austria” beteiligt.
Dann startete 2005 - auf Einladung von Oberösterreich, deren Kunststoffcluster bereits sehr erfolgreich war und auch niederösterreichische Unternehmen anzog - die Sondierung der Kunststoffbranche in Niederösterreich, die wir gemeinsam mit Wien durchführten. Wien sagte jedoch nein zu einer gemeinsamen Clusterinitiative. So starteten wir erstmals eine gemeinsame Initiative mit Oberösterreich. Heute ist der Kunststoffcluster mit rund 400 Partnern das größte überregionale Netzwerk, das von den Bundesländern Oberösterreich, Niederösterreich und Salzburg getragen wird. Zentrale Dienstleistungen wie Marketing, Newsletter u.ä. werden von der Clusterzentrale in Oberösterreich aus koordiniert, die Betreuung der Unternehmen vor Ort erfolgt über Clustermanager in der Region.
Und in in jedem Bundesland gibt’s auch thematische Schwerpunkte …
In Niederösterreich ist das das Thema Biokunststoffe. Und wir sind auch in internationale Netzwerke eingestiegen, in denen Cluster gemeinsam forschen. In Kürze werden die ersten Produkte in Sachen Biokunststoffe auf breiterer Front in den Handel kommen …
Die NÖ Cluster-Geschichte ist damit noch lange nicht zu Ende …
Nein, natürlich nicht. 2003 wurde der “Ökobau Cluster” ins Leben gerufen, denn die Unternehmen sollten sich in dieser zukunftsträchtigen Nische positionieren können. Das hieß schlussendlich auch, dass wir die Themen “Holz” und “Ökobau” zusammengelegt haben. Und 2007 wurde aus diesem Cluster das aktuell größte Netzwerk Niederösterreichs, der Cluster “Bau.Energie.Umwelt” mit dem Fokus auf Niedrigenergie-Bau und energieeffizienter Sanierung.
2006 startete die Lebensmittelinitiative, nicht als Cluster, sondern mit der Konzentration auf wenige Schlüsselprojekte. Erstmals kam es dabei zu einer Kooperation zwischen der Landwirtschaft und der verarbeitenden Industrie im Lebensmittelsektor. Mit Beginn 2009 wurde aus dieser Initiative eine vollwertige Clusterinitiative, die je zur Hälfte vom Landwirtschafts- und vom Wirtschafts-Ressort des Landes gefördert wird.
Der Logsitk-Cluster wiederum beschäftigt sich seit dem Vorjahr mit dieser “Querschnittsmaterie”, die Anknüpfungspunkte für alle anderen Cluster bietet.
Wie würden Sie denn die Unterschiede zwischen “Cluster” und “Netzwerk” definieren und auch kommunizieren?
Nach außen hin ist es immer schwer zu kommunizieren, welche Unterschiede es gibt zwischen Initiative, Netzwerk oder Cluster. Es hat auch ganz einfache Marketinggründe, dass wir die von ecoplus initiierten Netzwerke als “Cluster” bezeichnen, denn das ist ein in Österreich mittlerweile eingeführter und vom Prinzip her verstandener Begriff. Wir unterscheiden davon die konkreten Kooperationsprojekte, die auch vom Land Niederösterreich unterstützt werden können.
Natürlich gibt es bezüglich der Clusterorganisation auch in jedem Bundesland unterschiedliche Philosophien. In der Steiermark etwa gibt es verschiedene bzw. gemischte Träger der Clusterorganisationen; in Oberösterreich sind fast alle Cluster in der Clusterland OÖ GmbH konzentriert. Wir in Niederösterreich haben gesagt, dass Cluster ein wesentliches Element der regionalen Innovations- und Technologiepolitik darstellen und als wirtschaftspolitisches Element im Sinne eines Public-Private-Partnership zwischen Politik-Wirtschaft-Wissenschaft wirksam werden sollen. Deshalb werden unsere Clusterinitiativen auch weiterhin überwiegend von der öffentlichen Hand organisiert, das heißt, sie sind organisatorisch in der landeseigenen Wirtschaftsagentur ecoplus angesiedelt. Das ermöglicht viele Synergien zwischen den Clustern und auch den anderen Instrumenten des Landes.
Welcher Mehrwert soll denn aus den Clustern mittel- und langfristig entstehen?
Die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit ist das zentrale Anliegen. Clusterinitiativen arbeiten dazu meist mit der Initiierung und Begleitung von überbetrieblichen innovativen Kooperationen. Diese können etwa bei der Produktentwicklung oder der Organisationsoptimierung entstehen. Der Nutzen davon soll natürlich bei den Unternehmen in den Clustern entstehen. Und es wird auch interessant werden, was nach 2013, dem Ende der aktuellen Förderperiode, möglich sein wird. Die EU setzt zunehmend auf “Weltklasse-Cluster”, da wird hoffentlich nicht darauf vergessen, dass Stärken erst in den Regionen ausgebaut werden müssen, bevor sie dann global sichtbar werden.
Was würden Sie denn als Erfolgsfaktoren für das Clustermanagement definieren?
Wichtig ist es zu erkennen, dass es sehr verschiedene Branchenkulturen gibt. In der Wellbeing-Branche geht es vollkommen anders zu als etwa im Kunststoff- oder Automotive-Sektor. Das spiegelt sich auch in den Clusterteams wider. Und das Wesentliche für den Erfolg eines Clusters sind eben bei den jeweiligen Unternehmen gut akzeptierte Clustermanager und ihre Teams, die besonders auf aktuelle Entwicklungen sehr rasch und sensibel reagieren müssen.
Was mich zum Thema “Wirtschaftskrise” bringt. Was können Cluster und Netzwerke bewirken, wie kann den Betroffenen geholfen werden?
Clusterinitiativen sind prinzipiell längerfristig orientiert. Jetzt sind wir alle gefordert, auch kurzfristige Antworten zu geben. Dabei sind die Cluster eine wichtige Anlaufstelle. Die Situation ist sehr unterschiedlich: Im Automotive-, Kunststoff- und Logistik-Sektor gibt es ziemliche Einbrüche. Relativ gut sieht die Situation noch im Gesundheitstourismus aus, ähnlich wie im Lebensmittel Cluster.
Und was können Sie nun konkret machen?
Wir arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen. Im Baubereich etwa haben wir wesentlich am “NÖ Konjunkturprogramm” mitwirken können, Schwerpunkt energieeffizientes Sanieren. Da sich hier der Markt gut entwickeln wird, haben wir innerhalb kurzer Zeit rund 250 Unternehmen geschult und jetzt fördern wir die Bildung von Bietergemeinschaften für “Lösungen aus einer Hand”. Längerfristig arbeiten wir verstärkt an F&E-orientierten Innovationen im Bauwesen. Dazu haben wir auch ein großes “K-Projekt”, also ein kooperatives Forschungsprojekt, eingereicht und genehmigt bekommen, das ohne Cluster nicht zustande gekommen wäre. So versuchen wir kurz-, mittel- und langfristige Antworten auf die Krise zu geben.
Wir müssen jetzt natürlich auch kurzfristig helfen - zum Beispiel laufen über den Logistik Cluster viele direkte Gespräche mit den Unternehmen, um etwa die Kosten in den Griff zu bekommen. Im Automotive-Sektor wiederum hat die aktuelle Situation dazu geführt, dass sich die drei österreichischen Clusterinitiativen nun noch enger koordinieren, um Kurzarbeit für Weiterbildung zu nutzen. Über den ACVR wird mit Partnern aus der Slowakei gerade ein Interreg-Projekt zur Qualifizierung von Facharbeitern gestartet. Und ein internationaler automotive „Master of Business Administration“ wurde vom ACVR initiiert und ist im März gestartet.
Eines kann man aber sagen: Kurzfristige Schnellschüsse bringen gar nichts.
* Mag. Walter Freudenthaler hat in Innsbruck Volkswirtschaft studiert und dann eine Druckerei geleitet. Vier Jahre hat er in Mexico als Entwicklungshelfer im Genossenschaftsbereich gearbeitet. Danach 11 Jahre in der Unternehmensberatung und im Coaching. Seit 1996 ist er in der niederösterreichischen Wirtschaftsagentur ecoplus tätig, seit 2001 leitet er den Bereich Netzwerke und Cluster.
(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2009
Tags: kommunale wirtschaftsstrategie, Politik, wirtschaftsförderung