28. Mai 2008

Experten-Interviews, Teil 10, Eberhard Schrempf, CIS Creative Industries Styria

Das Netzwerk Creative Industries Styria (CIS) zählt zu den jüngsten Netzwerken und Clustern der Steiermark. Grundlegend für das Netzwerk war eine 2006 durchgeführte Potenzialanalyse der Kreativwirtschaft im Großraum Graz. Das für die “Kulturstadt Graz” wenig überraschende, aber erstmals wissenschaftlich fundierte Ergebnis: Die Kreativwirtschaft hat ein jährliches Wertschöpfungspotenzial von rund 1,5 Milliarden Euro, was einem Anteil von 14 Prozent an der gesamten Wertschöpfung entspricht. Grund genug, mit Mag. Eberhard Schrempf*, dem seit 2007 amtierenden Geschäftsführer der Creative Industries Styria, ein Gespräch zu führen.

Lieber Mag. Schrempf, wie haben Sie die Gründungsphase der neuen Netzwerkgesellschaft erlebt, warum hat man das in Angriff genommen?

Eberhard Schrempf: Ausschlaggebend für die Gründung waren sicher drei Faktoren: Erstens geht der internationale Trend dahin, den Wert von Kreativität und Kreativwirtschaft richtig einordnen zu können. Und mittlerweile schätzt und respektiert man die “kreative Klasse”. Zweitens lieferte die Studie von Joanneum Research zum Kreativpotenzial im Großraum Graz die entsprechenden Daten und Fakten. Und drittens gibt es in der Steiermark eine lange Tradition der Organisation unternehmerischer Aktivitäten in Form von Clustern und Netzwerken. Meiner Ansicht nach ist es auch ganz gut, dass wir in Sachen Kreativwirtschafts-Vernetzung erst bei der “zweiten Welle” dabei sind; so konnten wir viel von positiven Beispielen wie dem Werkraum Bregenzerwald oder der Wiener Initiative departure lernen.

Im deutschsprachigen Raum sind die Ideen der “Creative Industries” noch nicht sehr verbreitet. Hier wird der Diskurs sehr oft noch vom Adorno’schen Paradigma der Kulturindustrie geprägt. Kunst wird oft mit Kreativität gleichgesetzt und anders als in Großbritannien oder den USA als unvereinbar mit “der Wirtschaft” betrachtet. Wie gehen Sie mit diesen Ressentiments “aus der Szene” um?

Eberhard Schrempf: Ich war mein Berufsleben lang immer beidbeinig unterwegs: Mit einem Bein in der Kunst, mit dem anderen in der Wirtschaft. Natürlich gibt es in der Kunst-Szene die Einstellung “Kunst ist Kunst”. Das ist auch zu akzeptieren. Der Begriff der Kreativwirtschaft ist jedoch breiter angelegt und erfasst alle kreativen Tätigkeiten in einem wirtschaftlichen Kontext: also Produkt- und Industriedesign ebenso wie Architektur und andere Wissensarbeiten. Für unsere Organisation ist die Marktfähigkeit der Dienstleistungen und Produkte ein wesentlicher Faktor, und wir begleiten auch keine Kunst-Projekte im engeren Sinn.

Dennoch haftet der Kreativität, also dem Schöpferischen, immer etwas “Unbezähmbares” an, das für klassische Wirtschaftsleute nicht so leicht zu fassen ist …

Eberhard Schrempf: Deshalb muss gerade eine Organisation wie die CIS auch bereit sein, ein hohes Risiko zu gehen. Das Scheitern gehört zum kreativen Prozess wie zur Wirtschaft. Nur mit Mittelmaß erreichen Sie nichts. Ich vergleiche das mit den Tasten eines Klaviers: ohne die im Vergleich zu den Mittellagen zweifellos seltener angeschlagenen extrem hohen und extrem tiefen Töne ist kein Musikstück komplett.

Im klassischen Cluster gibt es das Interessens-Dreieck Politik-Wirtschaft-Wissenschaft. Bei welchem Teil dieses Dreiecks stoßen Sie auf die größte Resonanz?

Eberhard Schrempf: Die stärksten Verbindungen gibt es zweifellos zur Politik – sie schafft die Rahmenbedingungen. In der Wirtschaft müssen wir vielen Unternehmern erst klarmachen, wie wichtig das Experiment ist. Und dass “die Spinner” längst geschäftsfähig geworden sind! Eine Hauptaufgabe unseres Netzwerkes in dieser frühen Phase besteht also darin, das Bewusstsein für die Wichtigkeit des kreativen Prozesses an sich zu vertiefen. Die konkreten Projekte kommen in einem zweiten Schritt dazu. Ein zentrales Projekt für uns ist die Bewerbung von Graz als “City of Design“.

In welcher Form gibt es eine Zusammenarbeit mit den anderen “klassichen Clustern”  etwa im Automobil-, Holz- oder Humantechnologie-Sektor?

Eberhard Schrempf: Mit dem AC Styria machen wir gemeinsame Veranstaltungen im Rahmen der “Open University” und holen dafür z.B. den Audi-Designer Julian Hönig zurück nach Graz. In Sachen Humantechnologie gäbe es ebenfalls einige Überschneidungsbereiche, etwa zum Thema “alternde Gesellschaft”. Hier ist Design wichtig, von den entsprechend gestalteten Bedienungsanleitungen, Packungsbeilagen bis zu den Mobiltelefonen, die in Zukunft auch der medizinischen Unterstützung dienen können. Eine konkrete Kooperation haben wir mit dem Holzcluster begonnen und denken gemeinsam über einen internationalen Designwettbewerb zum Werkstoff Tanne nach. Und mit dem TECHforTASTE.net haben wir in Kooperation die Ausstellung “Food Design” in Graz gezeigt.  

Was würden Sie aus der eigenen Erfahrung heraus als wichtigste Eigenschaften eines Netzwerkmanagers im Bereich der Kreativwirtschaft definieren?

Eberhard Schrempf: Man braucht Bereitschaft, Neugierde und Interesse. Und man muss den Netzwerkmitgliedern sehr offen gegenübertreten und darf sie nicht überfahren. Das Wichtigste ist, dass “die Szene” auch merkt, dass sie ganz konkret von den Aktivitäten des Netzwerkes profitiert. In unserem Fall ist es auch so, dass wir als “loses Netzwerk” keine Mitgliedsbeiträge einheben. Im Moment haben unsere Mitglieder den größten Bedarf an Kommunikation und Vernetzung untereinander. So können wir uns im “think tank” in einem geschützten Raum völlig offen über die Probleme der Branche unterhalten und laut nachdenken. Jeweils etwa zehn bis zwölf Menschen aus den unterschiedlichsten Sektoren und unterschiedlichen Alters kommen regelmäßg zusammen. Aha-Erlebnisse garantiert.

* Mag. Eberhard Schrempf studierte an der Kunstuniversität Graz Bühnenbild und war in seiner Karriere als Kulturmanager u.a. Geschäftsführer und Stellvertretender Intendant der “Kulturhauptstadt Graz 2003“. Seit Mai 2004 widmete sich Schrempf wieder seinem eigenen Unternehmen “Culture Industries Austria” und war u.a. mit der Planung und Abwicklung von Kunst-Projekten (25PEACES) für die Republik Österreich anlässlich des Jubiläumsjahres 2005 sowie des EU-Ratsvorsitzes 2006 beschäftigt. Seit 2007 ist Schrempf Geschäftsführer der Creative Industries Styria GmbH.

(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2008

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Eine Anmerkung zu “Experten-Interviews, Teil 10, Eberhard Schrempf, CIS Creative Industries Styria”

  1. Jakoministraße und Klosterwiesgasse meint:
    12. Mai 2010

    […] nur die Frage: Kann man so etwas überhaupt von oben erzwingen? Oder sollte man das “kreative Potential” der Stadt sich nicht lieber selbst […]

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