18. Juli 2008

Experten-Interviews, Teil 14: Johannes Khinast, RCPE Graz

Am 28. September 2007 entschied in Wien eine zwölfköpfige, international besetzte Jury nach einem zehnmonatigen Wettbewerbsverfahren über die Vergabe von insgesamt acht K1-Zentren und drei K2-Zentren sowie über 16 Anträge für K-Projekte. Im vom österreichischen Innovations- und Technologie- (BMVIT) gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium (BMWA) getragenen Programm “COMET – Competence Centers for Excellent Technologies” standen in der ersten Ausschreibungsrunde insgesamt 130 Mio. Euro an Bundesmitteln zur Verfügung.

Mit dem Grazer “Competence Center for Pharmaceutical Engineering (CCPE)” konnte ein Antrag in einem völlig neuen Forschungsfeld die COMET-Jury überzeugen. “Pharmaceutical Engineering” zielt darauf ab, die  Medikamenten-Entwicklung zu beschleunigen und eröffnet neue Möglichkeiten in der Personalisierung von Medikamenten. Der Antrag wurde von einem Konsortium bestehend aus der TU Graz, der Karl-Franzens-Universität, Joanneum Research und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie 15 Top-Unternehmen aus der Pharma- und Anlagenbau-Branche eingereicht.

Das nunmehr als RCPE (Research Center Pharmaceutical Engineering GmbH) firmierende Kompetenzzentrum hat mit 1. Juli 2008 seinen operativen Betrieb aufgenommen. Wir haben mit dem Gründer und wissenschaftlichen Leiter des RCPE, Univ.-Prof. DI Dr. Johannes Khinast*, über seine internationale Forscher-Karriere und die besonderen Anforderungen beim Aufbau eines Netzwerkes angewandter Spitzen-Forschung gesprochen.

Lieber Prof. Khinast, Sie haben im Bereich des “Pharmaceutical Engineering” in den USA Forscherkarriere gemacht und sind vor zwei Jahren aus den USA wieder nach Europa, an Ihre “Heimatuniversität” TU Graz, zurückgekehrt. Was waren die Gründe dieser Rückkehr?

Johannes Khinast: Zuerst einmal muss gesagt werden, dass Österreich ein dynamisches Forschungsumfeld darstellt, in dem man viel von den eigenen Ideen verwirklichen kann. Man muss sich da international nicht verstecken. In den letzten 10 Jahren hat sich auch in der Forschungspolitik einiges getan. Jetzt gilt es, diesen Weg weiterzugehen und gewisse Probleme, wie etwa die Finanzierung der Universitäten, anzugehen. An der TU Graz habe ich eine Heimat gefunden, in der ich mich sehr gut entwickeln kann. Wir haben ein visionäres Rektorat, das auch neue Themen zulässt, und das hat mich nachhaltig angesprochen. Und Österreich ist – wie die USA – ein Land, in dem man gut leben kann. Das ist sicher auch hilfreich.

Wenn Sie die universitäre Situation in Ihrem Forschungsfeld in den USA mit jener in Europa vergleichen wo liegen die Unterschiede?

Johannes Khinast: Die Struktur der Institute und der Universität ist eine ganz andere. Das Schöne an den USA ist – und darum sind die USA ja so beliebt bei jungen Spitzenforschern –, dass man sehr früh unabhängige Forschungskarrieren angehen kann. Ich kenne Kollegen, die schon mit 25 an einer Top-Universität als Mitglied des Professorenkollegiums unabhängig und eigenständig ihre Gruppen geleitet haben. Das fördert Kreativität. Auch Leistung wird in den USA anders gesehen, ja eigentlich belohnt. Bei uns ist das erst im Entstehen. Das Gute an Österreich ist, dass man als Professor im Vergleich sehr gut ausgestattet wird mit Personal und Räumen. In den USA muss man die Finanzmittel für jeden Mitarbeiter, für jedes Gerät selbst einwerben. Das ist natürlich auf Dauer schwer, da man 150% seiner Zeit mit Antragschreiben verbringt.

Wie entstand die Idee für das “Competence Center for Pharmaceutical Engineering (CCPE)” und wer waren “die Partner der ersten Stunde”?

Johannes Khinast: Die Idee entstand, als wir auf der Suche nach europäischen Forschungspartnern bemerkten, dass es in Europa keine dem US-Zentrum vergleichbare Einrichtung gab. Wir waren daher fast gezwungen, ein solches Zentrum aufzubauen, mit dem Fokus auf pharmazeutische Produkt- und Prozessentwicklung. Der damalige Dekan Prof. Stelzer hat mich auf das COMET-Programm aufmerksam gemacht. Der Humantechnologie-Cluster Human Technology Styria (HTS), die Abteilung A 3 der steirischen Landesregierung und Joanneum Research waren von Anfang an Partner. Natürlich hat uns auch die TU Graz sehr früh unterstützt.

Was waren und sind aus Ihrer Sicht die kritischen Punkte in der Einreich- und Aufbauphase eines neuen Forschungszentrums?

Johannes Khinast: Der Erfolg eines solchen Antrages hängt von vielen Faktoren ab. Man kann das mit einer Kette vergleichen, wo das schwächste Glied zum Versagen führt. Auch bei einem Großantrag ist das nicht anders. Zuerst braucht man die Unterstützung im politischen Bereich, d.h., das Land muss hinter diesem Vorhaben stehen. Ein weiterer Punkt ist die Industrie. Nur mit einer wirklichen Beteiligung der Industrie ist so ein Großprojekt zu schaffen. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist wissenschaftliche Exzellenz und exzellente wissenschaftliche Partner, was klar demonstriert werden muss.

Natürlich gibt es weitere Erfolgsfaktoren wie einen gut geschriebenen Antrag, ein gutes Hearing mit den richtigen Personen usw. Zum Beispiel war bei unserem Hearing Rektor Hans Sünkel von der TU Graz dabei. Eine solche institutionelle Unterstützung macht natürlich schon einen Unterschied. In Summe gibt es keinen einzelnen wichtigen Faktor. Um erfolgreich zu sein, muss einfach alles stimmen.

Welche Chancen sehen Sie in der Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft, was ist für eine erfolgreiche Zusammenarbeit besonders wichtig?

Johannes Khinast: Die Chancen sind unendlich. Nur durch die Kooperation zwischen Forschung und Industrie ist wirklicher Fortschritt möglich. Allerdings müssen beide Partner von einander lernen. Die Universität muss einsehen, dass am Ende des Tages etwas Nützliches, Verwertbares herauskommen muss. Die Industrie muss aber verstehen, dass erfolgreiche Forschung manchmal auch Sackgassen, Leerläufe und Misserfolge mit sich bringt. Wichtig ist vor allem, dass man in so einem Programm nicht Troubleshooting für kleine Probleme macht, sondern dass man die wirklich grundlegenden wissenschaftlichen Fragstellungen von technologischer Relevanz angeht.

* Der heute 43jährige Univ.-Prof. DI Dr. Johannes Khinast ist einer der führenden Experten in “Pharmaceutical Engineering” und einer der prominentesten österreichischen “Forschungs-Heimkehrer”: Nach seiner Promotion an der TU Graz ging er 1996 in die USA und machte Forscher-Karriere vom Post-Doc an der University of Houston, Texas, bis zur festen Professur an der Rutgers University, New Jersey, 2003, und zum Direktor des Rutgers Katalyse Konsortiums. Khinast arbeitete in den USA auch als Berater für Merck, Bristol-Myers Squibb, Pfizer, Schering-Plough, DuPont, Ortner RRT u.a. 2005 wurde er mit einer Marie-Curie-Chair Professur der Europäischen Union an die TU Graz zurück geholt und seit 2007 ist Khinast Institutsvorstand des Institutes für Prozesstechnik an der TU Graz. Seit 2008 hat er die wissenschaftliche Leitung des  von ihm initiierten K1-Kompetenzzentrums für Pharmaceutical Engineering (RCPE) inne.

(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2008

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