4. November 2008
Experten-Interviews, Teil 15: André-Bastian Soudah, Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland
“Erfolgreiche Unternehmen für eine erfolgreiche Region”
Die “Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland” ist eine Organisation von Unternehmen für Unternehmen, wie André-Bastian Soudah*, Clustermanager der Initiative, erzählt. “Unser Ziel ist es, Clusterbildungsprozesse zu initiieren.” Das heißt, es geht darum, zuerst regionale Stärken herauszufinden und anschließend die Schlüsselspieler einer Branche zusammen zu bringen und für die Vorteile eines Clusterprozesses zu werben und erste gemeinsame Projekte auf den Weg zu bringen. “Wenn wir dann nach zwei, drei Jahren sehen, dass die Clusterinitiative selbstständig ist, ziehen wir uns langsam wieder zurück”, erläutert Soudah die Strategie der Wirtschaftsinitiative, die Wert darauf legt, “ ausschliesslich von der Wirtschaft getragen” zu werden. Clusterlotse Franz Zuckriegl im Gespräch über Strategien, Krisen und Chancen von Netzwerken in der Mitte Deutschlands.
Sehr geehrter Herr Soudah, was Sie machen ist in erster Linie das “Sondieren” und “auf den Weg bringen” eines Clusters. Wie läuft dieser Prozess in der Praxis?
André-Bastian Soudah: Ich will Ihnen eine kurze Geschichte erzählen: Wir haben im Bereich Pipeline- und Anlagenbau ein Netzwerk initiiert. Im weiteren Prozess hat sich herausgestellt, dass es der Branche sehr gut geht und sie mit der Abarbeitung von Aufträgen beschäftigt ist, und dass das Interesse an gemeinschaftlichen Projekten im Rahmen des Vernetzungsprozesses nachließ bzw. die Vorteile, die mit einem Clusterprozess einhergehen, nicht angenommen werden müssen.
Das ist natürlich nicht der Regelfall. Normalerweise gehen wir nach den ersten Gesprächen dazu über, gemeinsam darüber nachzudenken, welche Unternehmen und welche MitarbeiterInnen welche Probleme und Projektvorschläge haben und wie man diese umsetzen könnte. Im Cluster Informationstechnologie war’s zu Beginn so, dass die Unternehmer einander – etwas übertrieben ausgedrückt – spinnefeind waren. Nach den ersten Treffen und gemeinsamen Problem-Erörterungen ist das allerdings ins Gegenteil umgeschlagen und es wurden sehr rasch konkrete gemeinsame Projekte definiert. Auch hier übernimmt die Wirtschaftsinitiative wieder eine vertrauensbildende Funktion; die der neutralen Plattform für alle Unternehmen der Region Mitteldeutschland.
Und man lernt einander kennen im Cluster, baut Vertrauen auf …
André-Bastian Soudah: Genau. Spätestens nach dem dritten Treffen wird ein “Cluster-Vorstand” aus dem Kreis der Unternehmen festgelegt. Nun bestimmen die Unternehmen, was passiert, die Eigeninitiative ist auf dem Weg. Und die Menschen treffen einander beim Bier, duzen einander und haben Vertrauen gefasst. Im IT-Cluster sind auf diese Weise zum Beispiel das SOA-Projekt (“Serviceorientierte Architekturen” in der Softwareentwicklung) und eine gemeinsame IT-Fachkräftekampagne entstanden.
Wie geht’s dann weiter im Clusterentwicklungs-Prozess?
André-Bastian Soudah: Wenn wir nach zwei, drei Jahren sehen, dass der Cluster funktioniert, ziehen wir uns langsam zurück. Wir moderieren den Prozess zur Findung eines Clustersprechers und eines Clustermanagers, die direkt aus der Branche kommen und die die involvierten Personen meist schon kennen. Formal wird dann ein eigener Verein gegründet und darunter, auf der operativen Ebene, eine GmbH, wobei der Verein gleichsam als “Aufsichtsrat” bzw. “Clusterboard” der operativ tätigen GmbH fungiert. Übrigens hat unsere Methodik jüngst auch dazu geführt, dass das von uns initiierte Cluster Solarvalley Mitteldeutschland zu einem der fünf Spitzencluster der Bundesregierung gewählt worden ist.
Wie sieht denn die Rollenverteilung in diesem Clusterboard aus?
André-Bastian Soudah: Im Clusterboard sind alle wichtigen Stakeholder eines Clusters vertreten: Die Unternehmer, die Vertreter der Politik und die Kolleginnen und Kollegen der Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Die “Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland” ist in drei Bundesländern – Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – aktiv. Ist es da nicht schwer, vor allem die politischen Interessen unter einen Hut zu bringen?
André-Bastian Soudah: Wir haben den großen Vorteil, dass wir von den Unternehmen finanziert werden. Und wir sehen die drei Länder eben als einen Wirtschaftsraum. Es gibt mittlerweile die starke “Marke Mitteldeutschland”, aber wir als Wirtschaftsinitiative haben natürlich keinen politischen Auftrag zu einer “Länderfusion”. Im Wirtschaftsleben spielen Bundesländer-Grenzen nur eine untergeordnete Rolle. Unser Motto lautet: “Erfolgreiche Unternehmen für eine erfolgreiche Region”.
Nun erleben wir gerade das Übergreifen der Krise der Finanz-Wett-Wirtschaft auf die Realwirtschaft. Welche Vorteile bieten Cluster Ihrer Meinung nach in wirtschaftlich schwierigen Zeiten?
André-Bastian Soudah: Ich glaube, dass eine Region robuster wird durch das Vorhandensein von Clustern. Und dass eine Cluster-Region nach einer Krise auch schneller wieder auf die Beine kommt.
Ihre Organisation hat gerade die ”Deutsche Clusterkonferenz“, ein Forum zum Gedankenaustausch “über den Nutzen von Clustern für Unternehmen und Regionen” veranstaltet. Wie sieht denn Ihre mittelfristige Strategie zur Clusterbildung in Mitteldeutschland aus?
André-Bastian Soudah: Wir wollen uns auf jene Bereiche konzentrieren, in denen wir gut sind. Und wir müssen nicht das Rad neu erfinden; wo es bereits gute bestehende Netzwerke in den mitteldeutschen Bundesländern gibt, werden wir diese nutzen. Die Bereiche, in denen Mitteldeutschland besonders gut aufgestellt ist, konnten wir mit unseren bestehenden Initiativen schon sehr gut definieren. Diese Bereiche müssen wir zu selbstständigen und langfristig erfolgreichen Cluster-Organisationen weiter entwickeln.
* André-Bastian Soudah, gebürtiger Niedersachse, hat in Berlin und Dublin Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Unternehmensführung, strategisches Marketing und betriebliches Rechnungswesen studiert. Erste berufliche Erfahrungen konnte der 32jährige als Geschäftsführer einer der führenden studentischen Unternehmensberatungen Deutschlands sammeln. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Marketingmanagement an der HHL - Leipzig Graduate School of Management forschte er zum Thema “Ganzheitliche Markenführung”. Zurzeit beendet er dort seine Promotion zum Thema “Identitätsorientierte Markenführung für Industriecluster”. Seit 2006 ist André-Bastian Soudah verantwortlich für das Clustermanagement der Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland.
(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2008
Tags: cluster, clustermodell, mitteldeutschland, wirtschaftskrise