12. Dezember 2008
Experten-Interviews, Teil 16: Holger Floeting, Difu Berlin
“Cluster in der kommunalen und regionalen Wirtschaftspolitik – Vom Marketingbegriff zum Prozessmanagement“, so lautet der Titel der Anfang Dezember 2008 von Holger Floeting* herausgegebenen Publikation. Wir haben mit dem Experten am ”Deutschen Institut für Urbanistik (Difu)“ über den aktuellen Cluster-Boom, Krisen-Szenarien und die Zukunft der Cluster-Idee in den deutschsprachigen Ländern gesprochen …
Lieber Holger Floeting, Sie arbeiten am “Deutschen Institut für Urbanistik (Difu)” und haben Anfang Dezember 2008 Ihr neues Buch vorgestellt. Wann sind Sie denn das erste Mal mit dem Thema konfrontiert worden und wie sieht Ihr persönlicher – und auch Ihr wissenschaftlicher – Zugang zum Cluster-Thema aus?
Holger Floeting: Mit dem Thema Cluster im Kontext von kommunaler Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung beschäftige ich mich eigentlich schon seit Beginn der 1990er Jahre. Zu dieser Zeit wurde der Begriff “Cluster” zwar nicht verwendet, aber die Rolle bestimmter Technologien (damals z.B. der Informations- und Kommunikationstechnik) für die Stadt- und Regionalentwicklung, die stärkere Konzentration auf bestimmte Branchen bei wirtschaftsorientierten Entwicklungskonzepten (damals z.B. die Medienwirtschaft), die bessere Nutzung endogener Potenziale und die Wichtigkeit der Vernetzung von Akteuren wurden bereits diskutiert. Auch konkrete kompetenzfeldorientierte räumliche Entwicklungskonzepte wurden bereits früh entwickelt, wenn man z.B. an das Konzept der Medienstadt Köln denkt. Das Difu hat diese Themen in unterschiedlichen Zusammenhängen (Studien, Umfragen, Seminare, Aufsätze usw.) immer wieder behandelt.
Welche neuen Erkenntnisse konnten Sie denn im Laufe des Buchprojektes gewinnen? Was sind für Sie die überraschendsten neuen Erkenntnisse aus dieser Arbeit?
Holger Floeting: Im Rahmen unserer Befragung der kommunalen Wirtschaftsförderer haben wir feststellen können, dass es sich beim Umgang mit Clusterinitiativen und Netzwerken zwar um ein aktuelles Thema handelt, dass dies aber nicht bedeutet, wir diskutieren nur ein “Modethema”. Die weite Verbreitung von Clusterstrategien und -konzepten in den deutschen Kommunen hat uns positiv überrascht. Auch die Bestrebungen bei Clusterinitiativen, nicht nur an ein “Label” oder ein Alleinstellungsmerkmal für das Regionalmarketing zu denken, sondern die konkrete Vernetzung von Akteuren und die Initiierung von nachhaltigen Prozessen voranzutreiben, fanden wir beeindruckend. An dem Buchprojekt haben übrigens nicht nur Autoren aus dem Difu mitgewirkt, sondern eine Vielzahl von Autoren aus Wissenschaft und Praxis mit ganz unterschiedlichen Zugängen zum Thema. Ich glaube, damit ist es uns gelungen, die unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema zusammenzubringen.
In welcher Weise werden denn Ihrer Beobachtung nach in den deutschen Kommunen “Cluster” von “Netzwerken” abgegrenzt und unterschieden? Gibt es mittlerweile so etwas wie einen “wissenschaftlich-praktischen Konsens” in Sachen Cluster-Entwicklung bzw. allgemein anerkannte Vorgehensmodelle?
Holger Floeting: Idealerweise sollte man zwischen Clustern als empirischem Phänomen und Clusterinitiativen als Instrument von Clusterpolitiken, die auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen (Bundesländer, Regionen, Städte) ansetzen, unterscheiden. In der Diskussion wird das aber oft vermischt. Auch die Abgrenzung zwischen Clustern und Netzwerken ist in der Praxis fließend. Grundsätzlich lässt sich aber feststellen, dass Netzwerke, anders als Cluster, nicht zwingend räumlich sind. Auch hinsichtlich ihrer Kooperationsstrukturen unterscheiden sie sich.
Von einem wissenschaftlich-praktischen Konsens bei der Definition kann man wohl noch nicht sprechen, aber es entwickelt sich so etwas wie ein eklektisches Konzept aus den unterschiedlichen Theoriegebäuden und -konzepten der Wirtschaftswissenschaften, der Regionalökonomik, den Sozial- und Politikwissenschaften. In der Praxis der Wirtschaftsförderung werden Cluster sowohl auf Basis der eigenen Sachkenntnis der Wirtschaftsförderer als auch durch externe Gutachten identifiziert. Zum Teil sind solche Abgrenzungen auch Ergebnis umfassender Diskussionsprozesse der regionalen Akteure. Wissenschaftlich “strenge” Funktionsanalysen von Wertschöpfungsketten oder Netzwerkanalysen spielen dagegen bei der Identifizierung kaum eine Rolle.
Wenn es bei Clustern auch um die (Neu-)Entwicklung “nachhaltiger Prozesse” anhand realer Projekt-Arbeiten geht, wie sollten Ihrer Meinung nach die Schnittstellen zwischen Politik, Wirtschaft und Wisssenschaft & Forschung in einem Cluster gestaltet sein? Oder anders gefragt: Was leistet ein Cluster, das traditionelle Standortpolitik im Verein mit gezielten Technologie- und Innovations-Förderungen nicht leisten kann?
Holger Floeting: Das ist eine sehr schwierige Frage. Einerseits gibt es meines Wissens nach bisher keine Untersuchung, die messbar nachweist, dass die Organisation in Clusterinitiativen und Netzwerken erheblich mehr für die lokale und regionale Wirtschaftsentwicklung leistet als “traditionelle” Formen der Wirtschaftsförderung. Das ist auch kaum möglich, da die Effekte kaum zu isolieren sind. Andererseits gibt es eine Vielzahl von konkreten Praxisbeispielen, die deutlich machen, dass die Organisation in Clusterinitiativen und Netzwerken positive Effekte hat. Sie ermöglicht die Einbindung unterschiedlicher Akteure in gemeinsame lokale und regionale Initiativen. Regionen mit starken Clusterinitiativen und Netzwerken gelingt es, “windows of opportunities” zu nutzen, z.B. bei der Beteiligung bei Wettbewerben um Fördermittel, bei der Identifizierung neuer Schnittfelder von Technologien, die sich zu Wachstumsfeldern entwickeln können usw.
Clusterinitiativen und Netzwerke wecken in der Region wie außerhalb das Bewusstsein dafür, wo die Stärken der Region liegen. Deshalb verstehe ich Clusterinitiativen und Netzwerke auch nicht als ein Patentrezept zur Organisation der lokalen und regionalen Wirtschaftsförderung, sodass man “zwanghaft” nach Clustern fahndet, auch wenn es an kritischer Masse fehlt, sondern als ein mögliches Instrument zukunftorientierter kommunaler Wirtschaftspolitik unter vielen anderen.
Sie sprechen von der kritischen Masse, die ein Cluster aufweisen sollte. Lässt sich diese “kritische Masse”, die zur Clusterbildung notwendig ist, quantifizieren oder qualifizieren?
Holger Floeting: Im Voraus lässt sich leider – anders als in der Physik – kaum eine Zahl für die kritische Masse von Clustern (seien es Unternehmen und Einrichtungen oder Beschäftigte) festlegen. Es gibt für einzelne Branchen zwar Erfahrungswerte, aber auch diese haben erhebliche Spannweiten. Letztendlich ist die Clusterentwicklung ein Prozess, der in seinen einzelnen Phasen (Initiierung, Expansion, Reifung) Unterstützung in unterschiedlichen Bereichen (Motivation der Akteure, Vertrauensbildung und Entwicklung einer Kooperationskultur, Herstellung neuer Vielfalt) bedarf. Es kommt übrigens nicht nur auf die kritische Masse an, sondern gerade auch auf räumliche Nähe und inhaltliche Verbindungen der Akteure und deren Bereitschaft zur Kooperation.
Nun haben wir viel über die positiven Effekte der Clusterbildung gesprochen. Aktuell erleben wir auch eine Krise der so genannten Realwirtschaft. Inwiefern sind in einer solchen Situation auch Cluster betroffen und sind Cluster-Strukturen hilfreich in einer allgemeinen oder branchenbezogenen Krise?
Holger Floeting: Cluster existieren ja nicht unabhängig von der Realwirtschaft, sondern sind Teil von ihr und damit auch in die positive wie negative Wirtschaftsentwicklung eingebettet. Starke Cluster zeichnen sich durch eine große Innovationsfähigkeit aus, die es erlauben sollte, konjunkturelle Einschnitte zu überstehen und sich an veränderte ökonomische wie technologische Rahmenbedingungen anzupassen. Aus regionalpolitischer Sicht erscheint mir wichtig, darauf zu achten, dass Cluster dynamische Gebilde sind, keine “closed shops” und keine verkrusteten Strukturen, sonst können auch ehemals erfolgreiche Cluster sich überleben. Es geht auch um eine Vielfalt von Clusterinitiativen und Netzwerkstrukturen in den Regionen, die das Risiko minimiert, “auf das falsche Pferd” gesetzt zu haben.
Zum Abschluss unseres Gespräches möchte ich Sie noch fragen, ob bzw. wann Sie ein Ende des “Clustergründungs-Booms” in den deutschsprachigen Ländern sehen …
Holger Floeting: Das lässt sich kaum seriös vorhersagen. Möglicherweise nennen wir die Gebilde ja zukünftig nicht mehr “Clusterinitiativen”, weil wir den Begriff genug gehört und gelesen haben. Das ändert aber nichts an der großen Bedeutung von Kooperationsbeziehungen und schnellem Informations- und Wissensaustausch durch räumliche Nähe für die regionale Wirtschaftsentwicklung und der herausragenden Rolle von Akteuren, die bereit sind, zum gemeinsamen Vorteil zusammenzuarbeiten und dabei einen Mehrwert für die Region, in der sie ansässig sind, zu erzeugen.
*Holger Floeting, Dipl.-Geograph, ist seit 1991 als Wissenschaftler am Deutschen Institut für Urbanistik, der unabhängigen wissenschaftlichen Gemeinschaftseinrichtung der deutschen Städte, tätig. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind
Wirtschaftsgeographie: Lokale und regionale Technologie- und Innovationspolitik, wirtschaftlicher Strukturwandel, kommunale Wirtschaftsförderung;
Stadtgeographie: Ethnische Ökonomie und Stadtentwicklung, Wissen und Kreativität in städtischen Räumen, urbane Sicherheitsregimes.
(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2008
Tags: cluster, clusterboom, clustermodell, kommunale wirtschaftsstrategie, wirtschaftsförderung, wirtschaftskrise