23. Februar 2009
Experten-Interviews, Teil 18: Jan Herzberg, Wirtschaftsförderung Lübeck
Jan Herzberg* ist Projektleiter für Standortmarketing/Ansiedlung der Wirtschaftsförderung Lübeck GmbH und Autor des im Mai 2008 im Vdm-Verlag erschienenen Buches “Clusterbasierte Wirtschaftsförderungsstrategien in strukturschwächeren Regionen“. Ein Gespräch über die Grenzen und Möglichkeiten von Kommunen in der Clusterbildung.
Sehr geehrter Herr Herzberg, Sie haben ein Buch zum Thema veröffentlicht und arbeiten als Förderer wirtschaftlicher Netzwerke in einer Kommune. Wie sind Sie eigentlich auf das Thema Cluster gekommen?
Jan Herzberg: Das hat sich schon im Laufe meines Wirtschaftsgeographiestudiums in Hamburg ergeben. Für mich war vor allem die Frage relevant, was in jenen Regionen passiert, die nicht zu den “Boom-Regionen” zählen. Die Cluster-Idee ist deshalb faszinierend, weil es hier gelingt, dass sich auch wirtschaftliche Konkurrenten an einen Tisch setzen. Meines Erachtens ist es auch wichtig, dass Cluster-Initiativen “bottom-up” erfolgen, also aus einem konkreten Wunsch und Bedarf der Unternehmen, was besonders im kommunalen Kontext wichtig ist.
Es gibt aber auch andere Ansätze …
Jan Herzberg: Sicher; die Landes-Politik ist manchmal anderer Ansicht und fördert auch “Top-Down-Ansätze”. Bei solch “globaleren Ansätzen” können wir als kommunale Wirtschaftsförderer auch “nur” den regionalen Input liefern. Eines ist jedoch wichtig: Man sollte Doppelgleisigkeiten unbedingt vermeiden! Es kommt bei Unternehmen ganz schlecht, wenn neben einem existierenden regionalen Netzwerk plötzlich ein thematisch gleiches, aber zum Beispiel landesweit ausgerichtetes Netzwerk, auftaucht.
Es ist deshalb notwendig, genau zu analysieren und die Einflusssphären zwischen den jeweiligen Förder-Organisationen abzugrenzen. Natürlich ist das nicht immer einfach, weil sowohl Politiker als auch Wirtschaftsförderer auf ihren regionalen Gebietshoheiten beharren und aktiv sein wollen.
Wie sehen Sie die Schwierigkeiten und Chancen in der Kooperation zwischen Wissenschaft, Wirschaft und Politik?
Jan Herzberg: Die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses hängt immer auch von den Themen ab. Und natürlich von den persönlichen Befindlichkeiten der Beteiligten. Letztlich ist es auch immer eine Machtfrage.
Bei der Entwicklung einer gemeinsamen Basis ist die Rolle des Clustermanagers von entscheidender Bedeutung. Da ist es ganz wichtig, dass die Clustermanager aus der Branche kommen und sich dort auskennen, gekannt und respektiert werden.
Wenn Sie an die Lübecker Clusterinitiativen denken: Was waren und sind die entscheidenden “Erfolgsprojekte” in den Clustern bzw. Netzwerken?
Jan Herzberg: Im Bereich von foodRegio sind das vor allem die Qualifikationsmaßnahmen, aus denen sich sogar ein eigener Studiengang für Lebensmitteltechnik an der FH in Lübeck entwickelt hat. Im Logistik-Netzwerk ist das Distributionsprojekt besonders erfolgreich. Wichtig im Cluster ist das kontinuierliche Zusammenkommen. Bei uns sieht das so aus, dass es einmal jährlich als Höhepunkt einen “Trendtag” gibt und alle zwei bis drei Monaten treffen sich die Clustermitglieder zu den Praxisforen. Ein weiterer Erfolgsfaktor sind Innovationen, die sich meist aus dem Zusammenspiel der Kräfte während der Projektzusammenarbeit ergeben.
Zu einem aktuellen Thema: Wie gehen Sie im Cluster mit der Wirtschaftskrise um?
Jan Herzberg: Wir spüren die Krise natürlich. Im Logistiksektor beispielsweise kürzen die Unternehmen ihre Investitionen in Weiterbildungsmaßnahmen radikal.
Und wie können Sie die Vorteile eines Clusters vermitteln?
Jan Herzberg: Es dauert etwa zwei Jahre, bis die Unternehmen wissen, was sie im Cluster und mit dem Cluster machen können. Als Verantwortlicher für das Standortmarketing einer Kommune muss ich mit den Stärken des Standortes arbeiten. Cluster sind dann ein wichtiger Mehrwert für das Standortmarketing.
Sehen Sie eigentliche ein Ende des Cluster-Booms?
Jan Herzberg: Ja. Wirtschaftsförderung greift zwar inhaltlich immer wieder Clusteraspekte auf, aber diese werden in neue Zusammenhänge gestellt und anders betitelt. Die neuen Themen heißen “Lernende Region” oder “Regionale Innovationssysteme”.
* Jan Herzberg ist seit 2007 Projektleiter für Standortmarketing und Unternehmensansiedlung bei der Wirtschaftsförderung Lübeck GmbH und beschäftigt sich nach seinem Studium der Wirtschaftsgeographie, Volkswirtschaftslehre und Informatik auch dort mit dem Thema Clusterpolitik im Kontext strukturell benachteiligter Wirtschaftsräume und dessen Konsequenzen für die Ansiedlung von Unternehmen. Vorher war er als Berater für Wirtschaftsförderung und Geoinformation tätig.
(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2009
Tags: clusterboom, kommunale wirtschaftsstrategie, Politik, wirtschaftsförderung