10. März 2009

Experten-Interviews, Teil 20: Helmut Thamer, Biokatalyse2021

Im Mai 2007 erhielt das Cluster Biokatalyse2021 als eines von fünf großen Forschungsnetzwerken den Zuschlag im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs “BioIndustrie 2021″ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Heute sind im Cluster 56 Organisationen beteiligt und es wird an 19 Projekten gearbeitet. Ein Gespräch mit Clustermanager Dr. Helmut Thamer* über weit zurück liegende Netzwerkerfahrungen und zukuftsträchtige Technologien.

Sehr geehrter Dr. Thamer, wie sehen Ihre Erfahrungen mit Clustern aus?

Helmut Thamer: Ich kann mich noch gut an das Jahr 1993 erinnern. Damals startete ein Projekt mit 33 Partnern aus ganz Europa zum Thema “Biotechnology of Extremophiles”. Nur nannte man das damals noch nicht Cluster, sondern Konsortium. Der Ausgangspunkt für Biokatalyse2021 war die Gründung der Initiative “Industrielle Biotechnologe Nord” im Herbst 2005, mit der wir Wirtschaft und Wissenschaft noch näher zusammen bringen und das Thema “Weiße Biotechnologie” voranbringen wollten. Der BMBF-Wettbewerb mit Cluster-Ausschreibung 2006 bot dann die Möglichkeit, unsere Ideen sehr schnell praktisch umzusetzen.

Das Thema unseres Clusters war von Anfang an “Biokatalyse unter ungewöhnlichen Bedingungen.” Unser Vorteil war sicher auch, dass wir schon während der ersten Antragsphase konkrete Themen und Projekte formulieren konnten. Im Mai 2007 wussten wir dann, dass wir zu den Gewinnern der Ausschreibung zählen. Aktuell laufen im Cluster 19 Projekte; am Cluster beteiligt sind 22 Hochschulinstitute, 15 Großunternehmen und 19 KMUs. Die Clusterorganisation selbst besteht aus dem wissenschaftlichen Koordinator, Prof. Antranikian vom Institut für Technische Mikrobiologie der TUHH, zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern im Clustersekretariat und fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die via TuTech für Marketing, IPR und Projektcontrolling unterstützend tätig sind. Ich selbst bin für die Managementkoordination verantwortlich. Zusätzlich wirken im Cluster Vertreter aus den beteiligten Instituten und Unternehmen als Koordinatoren für zentrale Technologiebereiche und Querschnittsaufgaben mit.

Was sind aus Ihrer Sicht die zukunftsträchtigsten Themen im Sektor?

Helmut Thamer: Besonders interessant verspricht die “synthetische Biologie” zu werden. Allerdings ist das auch ein Thema mit einem Zeithorizont für Umsetzungen am Markt von etwa 10 bis 15 Jahren. Insgesamt definieren wir drei Schwerpunkte als Zukunftsthemen: Erstens Biokatalyse unter ungewöhnlichen Bedingungen, synthetische Biologie und das Thema Bioraffinerien, bei dem es sowohl um die energetische als auch um die stoffliche Nutzung von Biomasse geht.

Biokatalyse2021 ist ja ein vorwiegend wissenschaftlich getriebenes Cluster. Wie klappt da die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, welche “Kommunikationsbarrieren” sind zu überwinden?

Helmut Thamer: Die Kommunikation zwischen den Industrieunternehmen und den Wissenschaftsorganisationen funktioniert auf Basis der langjährigen Kooperationserfahrungen sehr einfach. Das kommt daher, dass wir vor allem mit den Entwicklungsabteilungen zu tun haben und dort arbeiten Menschen, die meist selber Forscher sind. Die Kommunikation mit der Verwaltungsebene ist da schon schwieriger. Die Ideenfindung und Ausformulierung der Projekte, aber auch die fachliche Begutachtung durch die Förderstellen geschehen meist recht zügig. Die durch Zuwendungsbestimmung reglementierte formale Umsetzung bis zum tatsächlichen Start der Projekte dauert mir dann meist zu lang.

Wie würden Sie denn Cluster von Netzwerken abgrenzen und braucht es auch eine Kooperation zwischen thematisch ähnlich gelagerten Clustern?

Helmut Thamer: Cluster sind im Vergleich mit Projektnetzwerken längerfristig angelegt und auch eine Stufe höher angesiedelt, weil Cluster eben für die gesamte Branche verantwortlich sind. Es ist auch sinnvoll, dass die fünf Cluster des Sektors für den Standort Deutschland gemeinsam auftreten, wie wir es beispielsweise auf Auslandsmessen und Kongressen wie der Bio 2009 in Atlanta oder der Industrial Biotechnology in Montreal auch machen. Aber auch im Bereich der Zusammenarbeit zwischen Clustern ist die Kooperation z.B. bei Querschnittstechnologien wie in unserem Fall bei der Entwicklung von Expressionssystemen sehr sinnvoll.

Spüren Sie im Cluster auch direkt Auswirkungen der so genannten Wirtschaftskrise?

Helmut Thamer: Wir bemerken einen Rückgang der direkten Industrie-Investitionen, während die Anzahl und das Volumen der öffentlich geförderten Projekte durchaus im Steigen begriffen ist. Ganz grundsätzlich kann man sagen, dass Verbünde, wie sie Cluster ja auch sind, sehr gute Möglichkeiten für die Unternehmen bieten, auch in wirtschaftlich schwierigerer Situation mit “reduziertem” Einsatz weiter mitarbeiten zu können. Gerade in der Forschung ist es kaum möglich, einmal zwei bis drei Jahre einfach auszusetzen. Dann ist der Zug meist abgefahren. Es ist also auch und gerade in der aktuellen Krise vernünftig, weiter in Forschung und Entwicklung zu investieren.

* Dr. Helmut Thamer ist Geschäftsführer der TuTech Innovation GmbH mit Sitz in Hamburg. Nach seinem Studium der Physik in Gießen und Kiel promovierte er an der TH Darmstadt mit einer Arbeit zum Thema “Deterministisches Chaos”. 1981 wechselte er an die neu gegründete Technische Universität Hamburg-Harburg und war als Referent des Gründungspräsidenten insbesondere für Fragen der Strukturentwicklung und der Forschungsorganisation verantwortlich. 1985 übernahm er die Leitung der Transferstelle der TUHH. Hier entwickelte er das Konzept einer hochschuleigenen Technologietransfergesellschaft, das 1992 mit der Gründung der TUHH-Technologie GmbH erstmals von einer deutschen Hochschule realisiert wurde.

(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2009

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Eine Anmerkung zu “Experten-Interviews, Teil 20: Helmut Thamer, Biokatalyse2021”

  1. LOUISe meint:
    18. März 2009

    Lesetipp: Interview mit Helmut Thamer von Biokatalyse2021…

    Franz Zuckriegl vom Clusterblog aus Wien hat den Clustermanager von Biokatalyse2021 über weit zurück liegende Netzwerkerfahrungen und zukunftsträchtige Technologien befragt.
    ……

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