10. Juni 2010
Experten-Interviews, Teil 24: Cluster aus der Sicht des Handwerks
Es ist noch zu wenig bekannt, wie innovativ Handwerksbetriebe oftmals sind!
“Cluster im Handwerk — Eine Analyse hinsichtlich deren Vorkommen und Bedeutung”, so lautet der Titel einer aktuellen Studie*, die das “Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen” (ifh Göttingen) vorgelegt hat. Wir haben mit den Studienautoren Dr. Klaus Müller und Stephanie Lehmann über alte Erfahrungen und Chancen für die Zukunft durch die Integration traditionellen Handwerks-Know-hows in moderne Netzwerk-Strategien gesprochen.
Sehr geehrte Frau Lehmann, sehr geehrter Dr. Müller, Sie unterscheiden in Ihrer Untersuchung zwischen den teilweise schon sehr lange bestehenden und regional gewachsenen “eigenständigen Handwerksclustern” und den aktuellen, eher forschungs- und technologie-getriebenen “Clustern mit Handwerksbeteiligung”. Welche historischen Beispiele wären typisch für “eigenständige Handwerkscluster”?
Stephanie Lehmann: Als wohl bekannteste Beispiele für historische “eigenständige Handwerkscluster”, sprich Cluster, die sich (fast) ausschließlich aus Handwerksbetrieben zusammensetzen, lassen sich die Musikinstrumentenbauer im Vogtland und die Chirurgiemechaniker (Medizintechniker) in der Region Tuttlingen anführen. Ebenfalls weit zurückreichende Wurzeln haben die Konzentrationen von Handwerksunternehmen in den Lebensmittelgewerben (Brauer und Mälzer, Bäcker und Fleischer) in Oberfranken, Bayern. Diese eigentlich historischen Cluster haben sich in den letzten Jahren unter einprägsamen Regionalmarken wie “Genussregion Oberfranken” und “Bierland Oberfranken” institutionalisiert, man könnte sogar sagen reaktiviert, weswegen wir diese in unserer Studie zu den neuen Handwerksclustern zählen.
Allerdings ist zu berücksichtigen, dass viele historische “eigenständige Handwerkscluster” bis heute stark geschrumpft oder sogar ausgestorben sind. Nur wenige konnten sich über die Zeit erhalten, sind allerdings teilweise wie z.B. die Uhr- und Schmuckmacher in Pforzheim oder die Feinoptiker im Raum Wetzlar heute primär industriell geprägt.
Und welche Rolle spielen die Handwerksbetriebe aus Ihrer Sicht in den eher technologiegetriebenen Clustern neueren Datums? Lassen sich hier Gemeinsamkeiten erkennen?
Stephanie Lehmann: In den eher technologiegetriebenen Clustern spielen Handwerksbetriebe eine wichtige Rolle in der Zuliefererkette. Dies ist insbesondere der Fall bei Automobil- und Maschinenbauclustern. Hier dominieren vor allem die Handwerke für den gewerblichen Bedarf. Zum einen handelt es sich um innovative Handwerksbetriebe, die sich auf wenige Komponenten im Produktionsprozess spezialisiert haben, zum anderen um Handwerksbetriebe, die eine breite Palette von Fertigungsteilen in verschiedensten Variationen anbieten. Handwerksbetriebe bestechen hier durch ihre Flexibilität im Produktionsprozess und die Möglichkeit, in geringeren Stückmengen produzieren zu können. Dies spielt vor allen Dingen bei der Weiter- und Neuentwicklung von Technologien eine bedeutende Rolle, wenn Ideen schnell, flexibel und kostengünstig umgesetzt werden sollen. In diesem Zusammenhang dürften Handwerksbetriebe auch in den Clustern der neuen Technologien wie z.B. im Umwelt- und Energiebereich einen wichtigen Beitrag leisten. Für tiefer gehende Aussagen müsste man einzelne Cluster genauer auf Handwerksbeteiligungen und die Rolle der Handwerksbetriebe hin analysieren. Das konnte unsere Studie nicht leisten.
Die Handwerksbetriebe organisieren sich seit Jahrhunderten in Zünften und Kammern. Besonders im deutschsprachigen Raum sind die Kammern immer noch wichtige und auch gesetzlich verankerte Vertretungen für Handwerksbetriebe, sodass Vertreter neuerer Clusterinitiativen nicht selten zu hören bekommen: “Wofür brauchen wir jetzt schon wieder ein neues ‘Netzwerk’ — außer dafür, dass ich wieder einen Mitgliedsbeitrag zahlen soll?” Was würden Sie einem gestandenen Handwerksmeister darauf antworten?
Dr. Klaus Müller: Aus der Sicht des Handwerksbetriebs müssen sich natürlich klare Vorteile aus der Mitgliedschaft in einem Netzwerk ergeben. Diese gilt es aufzuzeigen und natürlich auch in der Praxis umzusetzen. Einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Handwerkskammern sehe ich darin, dass sich Netzwerke individueller auf bestimmte Branchen bzw. Handwerkszweige konzentrieren können, was gerade auch für die Bedürfnisse kleinerer Gewerke Potenzial bietet, die sonst eher untergehen. Daher sind gerade Innungen und Verbände gefragt, stärker im Bereich von Clusterinitiativen aktiv zu werden.
In den Netzwerken sind viel konkretere, die eigentliche Produktion der Betriebe betreffende Maßnahmen möglich, die von einer Kammer nicht geleistet werden können. So spielt das gemeinsame Marketing der Betriebe einer Region oder die gemeinsame Produkt- und Dienstleistungsspezialisierung als Alleinstellungsmerkmal eine wesentliche Rolle. Immer stärker sind auch Leistungen aus einer Hand gefragt, die eine meist fachübergreifende Kooperation zwingend notwendig machen.
Stephanie Lehmann: Ein schönes Beispiel stellt etwa die Kooperation “Schreiner International” in Baden-Württemberg dar, die 17 Tischlereibetriebe vereint, die Leistungen von der Beratung über die Planung und Produktion bis zur Montage für verschiedenste Kunden aus dem gewerblichen und privaten Bereich erbringen. Zwar muss man vorsichtig sein, hier von einem Cluster zu sprechen, da eine kritische Masse von Betrieben bislang nicht erreicht ist und ein regionales Alleinstellungsmerkmal fehlt, aber es zeigt, welche Potenziale sich aus einer stärkeren Vernetzung ergeben können.
Nichtsdestotrotz muss man den Handwerksbetrieben selber aber auch klar machen, dass sie die Netzwerke entscheidend mitgestalten, denn Netzwerke leben nun mal von den Beziehungen und Aktivitäten der Akteure untereinander. Ein Clustermanagement kann da nur einen gewissen Rahmen und eine Plattform schaffen und erste Anstöße geben.
Im Gegensatz zur Handwerkskammerorganisation besteht in Netzwerken keine Pflicht zur Mitgliedschaft. Daher wird ein Clustermanagement auf lange Frist dazu angehalten sein, Vorteile im Sinne der Mitglieder zu generieren, damit diese weiterhin zur Zahlung von Mitgliedsbeiträgen bereit sind. Dies ist vor allem da wichtig, wo Netzwerke zunächst mit öffentlicher Förderung ins Leben gerufen werden und sich nach einer gewissen Zeit privat weiterfinanzieren müssen.
Was könnten die “neuen Cluster” von den “alten Handwerksclustern” lernen?
Stephanie Lehmann: Ich denke, dass sich die neuen Cluster schon sehr stark von den alten unterscheiden. So ist mein Eindruck, dass der Kooperationsgedanke eine viel stärkere Rolle spielt. Zudem sind die Herausforderungen, denen ein Netzwerk begegnet, heute ganz andere. Es ist viel schwerer, Einmaligkeit herzustellen.
Dennoch gilt es auch in neuen Clustern, regionale Standortvorteile gezielt auszunutzen. Dabei sind heute nicht mehr nur Rohstoffvorteile gemeint, sondern vor allem Humankapital und Infrastruktur. Beide können durch entsprechende Vernetzungen mit Hochschulen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen verstärkt werden. So ist es in einigen “alten Clustern” z.B. gelungen, spezielle Fachbereiche an Hochschulen oder Forschungseinrichtungen zu schaffen. Beispiele hierfür sind das Forschungsinstitut für Musikinstrumentenbau an der Technischen Universität Dresden oder die International Business School Tuttlingen mit einem berufsbegleitenden MBA-Studiengang für den Bereich Medizintechnik.
Wie könnte die Wirtschaftspolitik die Potenziale der Handwerksbetriebe besser in neue Clusterinitiativen einbinden, gibt es da “Musterbeispiele”, auf die Sie im Rahmen Ihrer Studienarbeit gestoßen sind?
Dr. Klaus Müller: Diese Frage geht über die Zielsetzung unserer Studie hinaus. Ich halte sie aber für äußerst wichtig und hoffe, dieses Thema in einem weiteren Forschungsprojekt bearbeiten zu können. An dieser Stelle kann ich nur zwei Anmerkungen machen. Zum einen fällt bei Betrachtung der clusterpolitischen Aktivitäten auf Bundes- und Landesebene auf, dass Klein- und Kleinstunternehmen nur ungenügend Berücksichtigung finden. Zum anderen müssen gerade die Clustermanager vor Ort stärker über die Rolle von KMU im Clusterprozess sensibilisiert werden, damit diese auch stärker einbezogen werden.
Wenn man sich das klassische Cluster-Beziehungsdreieck Politik-Unternehmen-Wissenschaft ansieht, wo liegen da die Potenziale aus Sicht des Handwerks?
Dr. Klaus Müller: Die stärksten Defizite dürfte es noch in der Beziehung zwischen den Handwerksunternehmen und der Wissenschaft geben. Gerade auf Seiten der Betriebe bestehen da mannigfaltige Berührungsängste. Viele Handwerkskammern haben aber in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, dieses Verhältnis zu verbessern. So wurden beispielsweise Kooperationsabkommen insbesondere mit Fachhochschulen abgeschlossen. Aber auch in der Politik ist die wichtige Rolle von Handwerksunternehmen für das Funktionieren einer Volkswirtschaft häufig noch zu wenig bekannt. Insbesondere ist noch zu wenig bekannt, wie innovativ Handwerksbetriebe oftmals sind.
*Band 80 der Reihe “Göttinger Handwerkswirtschaftliche Studien”
http://www.ifh.wiwi.uni-goettingen.de/aktuell/a220310.htm
Cluster im Handwerk — Eine Analyse hinsichtlich deren Vorkommen und Bedeutung, von Stephanie Lehmann u. Klaus Müller, 264 Seiten, Reihe: Göttinger Handwerkswirtschaftliche Studien, Duderstadt 2010
Die Studie ist zu bestellen bei: http://www.meckedruck.de/cubecart/index.php?act=viewProd&productId=682
(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2010