6. Mai 2008
Experten-Interviews, Teil 7: Wulf Brämer, Materials Valley e.V.
2002 wurde der Verein „Materials Valley Rheinmain e.V.“ gegründet. Laut Eigendefinition ist das Ziel des „Kompetenznetzwerkes für Materialforschung und Werkstofftechnik“ „die Profilierung der Region Rhein Main als High-Tech-Standort für Materialforschung und Werkstofftechnologie“. Geschäftsführer Dr. Wulf Brämer* betont, dass die Initiative zur Schaffung des Netzwerkes von der Industrie ergriffen wurde. Die Konsequenz daraus ist, dass sich der Verein somit auch in erster Linie und direkt um die Anliegen der Unternehmen kümmert.
Sehr geehrter Dr. Brämer, wenn Sie sich an den Start des Materials Valley erinnern: Mit welcher Intention ging das Netzwerk an den Start – ging es eher um „Standortmarketing“oder eher um „Wirtschaftsförderung“ – und welche Schlüsselspieler waren von Beginn an dabei?
Wulf Brämer: Unsere Initiative kam direkt aus der Industrie und das hieß auch, dass die Unternehmen von Anfang an hinter der Initiative standen und stehen. Es gab keine öffentlichen Institutionen, die uns dabei geholfen haben – wir wollten das auch gar nicht. Heute sind natürlich auch Institutionen wie die Hessen Agentur oder Bayern Innovativ in den Vereinsvorstand eingebunden. Das Programm unseres Netzwerkes gestalten allerdings die Unternehmen: Im Rahmen unserer Workshops und der Vortragsreihe Materialforum, die immer in den Konferenzzentren der Unternehmen stattfinden, wird über neue interessante technologische Themen referiert und diskutiert. Die Workshops dienen einerseits dem Wissenstransfer auf hohem technologischem Niveau und andererseits als Kommunikationsplattform. Kurz formuliert: Es geht um den Wissenstransfer in die beteiligten Unternehmen und damit indirekt um eine Wirtschaftsförderung, mit deren Hilfe die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Rhein Main für Spezialisten gesteigert und Arbeitsplätze geschaffen bzw. gesichert werden sollen.
Das heißt, Materials Valley versteht sich in erster Linie als Impuls- und Kommunikationsplattform?
Wulf Brämer: Ja. In der Praxis sieht das so aus: Die Unternehmen erkennen eine für sie wichtige Thematik. Wir organisieren und gestalten dann nach Absprache einen Workshop mit Experten als Referenten aus Hochschulen, Instituten (z.B. Fraunhofer Gesellschaft) und der Industrie. In der eintägigen Veranstaltung mit 10-12 Vorträgen zu je 30-35 Minuten wird das Thema erschöpfend, ausgehend von der Theorie über Materialien, Equipment bis zur Anwendung, behandelt. Auf diese Weise erhalten die Gäste, in der Regel ca. 60-100 Personen, einen umfassenden Überblick über die behandelte Thematik. Wir achten auch darauf, dass sich aus diesen Veranstaltungen ganz konkrete Projektideen entwickeln können. Die Durchführung dieser Projekte liegt dann allerdings allein in der Hand der beteiligten Unternehmen; diese Umsetzung begleiten wir als Netzwerk nicht mehr.
Unser Ziel ist es, als Kommunikationsplattform Wissen zu schaffen und zu vernetzen und konkrete Projekte anzustoßen. Das gelingt uns auch – am meisten läuft diesbezüglich bei den informellen Begegnungen anlässlich des immer mit der Vortragsveranstaltung verbundenen Abendessens ab, das sich auf hohem gastronomischem Niveau befindet und in den Konferenzzentren der jeweiligen Unternehmen stattfindet. Im Gegensatz zu vielen ähnlich gelagerten Veranstaltungen sind unsere Veranstaltungen für alle Vereinsmitglieder und Mitarbeiter von Mitgliedsfirmen kostenlos. Nichtmitglieder zahlen für eine Veranstaltung 100 Euro. Damit soll erreicht werden, dass kein potentieller Gast durch hohe finanzielle Barrieren von einer Teilnahme abgeschreckt wird. Es geht um Wissenstransfer und Kommunikation und nicht um Geschäftemacherei.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit Konkurrenz-Gedanken innerhalb des Netzwerkes und mit der Einbindung von Wissenschaft und Forschung?
Wulf Brämer: Die Aktivität von Universitäten hinsichtlich der Zusammenarbeit mit der Industrie hängt sehr von der Persönlichkeit der jeweiligen Lehrstuhlinhaber ab. Institutionen wie die Fraunhofer Gesellschaft sind natürlich auf den Austausch mit der Industrie angewiesen und entsprechend aktiver. Übrigens wird auch mit Hilfe dieser Workshops und Vortragsveranstaltungen jungen Absolventen der Hochschulen die Möglichkeit eröffnet, auf unkomplizierte Weise erste Kontakte zur Industrie zu knüpfen – gute Leute wechseln durchaus von Unis und Forschungsinstitutionen zu Unternehmen, weil man sich im Rahmen von Netzwerk-Veranstaltungen kennen- und schätzen gelernt hat.
Und was die Konkurrenzsituation zwischen Netzwerk-Unternehmen betrifft: Auf den Workshops treten oft Referenten konkurrierender Unternehmen auf, wobei jedem der Referenten dieser Sachverhalt bewusst ist und es deshalb in Diskussionen keinerlei Probleme gibt. Werden potentielle Firmengeheimnisse angesprochen, so ist es dem Referenten unbenommen, die Auskunft zu verweigern. Wichtig ist, dass dieser Sachverhalt zu Beginn der Veranstaltung vom Moderator offen angesprochen wird. Auf diese Weise wird verhindert, dass einer der Referenten persönlich und auch in Hinblick auf sein Unternehmen in eine unliebsame Situation gelangt.
Welche Erfolgsfaktoren definieren Sie für ein Netzwerk wie Materials Valley?
Wulf Brämer: Der entscheidende Punkt ist: Sie brauchen einen Motor in einem solchen Verein, der durch persönliches Engagement die Aktivitäten vorantreibt. Dies geht soweit, dass diese Person auf die einzelnen Unternehmen zugehen und mit deren Mitarbeitern zusammen neue Projekte kreieren sollte. In einem Unternehmen drehen sich doch die meisten Tätigkeiten um’s Tagesgeschäft. Das muss auch so sein. Hier können wir als Netzwerk die entscheidenden Impulse von außen zur Weiterentwicklung liefern. Außerdem bemerke ich zunehmend ein Problem zwischen Alt und Jung: Etwas ältere Semester kennen es noch, dass es sehr sinnvoll ist, unbürokratisch über Unternehmensgrenzen hinweg Kontakte zu Kollegen anderer Unternehmen zum Nutzen der Unternehmen aufrecht zu halten. Die jüngeren Verantwortlichen sind da eher dem eigenen „Business-Unit-Denken“ verhaftet. Da ist es sehr gut, wenn es zwanglose Kommunikationsplattformen gibt, auf denen sich Jung und Alt im Rahmen unserer Veranstaltungen informell treffen, kennenlernen und austauschen können.
Durch eine effektive Zusammenarbeit der verschiedenen Generationen wird der größte Mehrwert für die Unternehmen erzeugt, ein Sachverhalt, der in der jüngeren Vergangenheit durch oft nicht durchdachte Managementmodelle sehr vernachlässigt wurde. Wenn wir durch unsere Veranstaltungen die Mitarbeiter der Unternehmen fachlich exzellent informieren und sie selbst die Chance erhalten, ihr persönliches Image innerhalb der Community durch eigenes Präsentieren ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse steigern können, dann sind wir mit unseren Aktivitäten erfolgreich. Dies ist uns in der Vergangenheit in vielen Fällen gelungen. So gesehen erfüllt ein Netzwerk oder Cluster auch eine soziale Funktion. Die Basis im Geschäftsleben sind die Zahlen. Entscheidend für Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens ist aber der Mensch. Dieser steht zusammen mit dem technischen Know-how im Fokus unserer Aktivitäten.
* Der studierte Chemiker Dr. Wulf Brämer ist im Hauptberuf Leiter des Innovationsmanagements des Edelmetall- und Technologiekonzerns Heraeus Holding GmbH in Hanau. Der Arbeit für das Kompetenznetzwerk „Materials Valley e.V.“ widmet er rund 40 Prozent seiner Arbeitszeit.
(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2008