21. Mai 2008
Experten-Interviews, Teil 9: Gerrit Stratmann, HA Hessen Agentur
Der Technologiebereich der Hessen Agentur ist vom Selbstverständnis “zentrale Anlaufstelle für die Betreuung von Cluster- und Netzwerkbildungsprozessen zwischen Industrieunternehmen und Hochschulen entlang der Wertschöpfungskette in zukunftsorientierten Branchen und Technologiefeldern”. Dr. Gerrit Stratmann* ist in der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Hessen zuständig für das TechnologieTransferNetzwerk (TTN-Hessen) und die Betreuung und Entwicklung von Netzwerken und Clustern.
Sehr geehrter Dr. Stratmann, die Gründung von Cluster- und Netzwerkinitiativen erfolgt auf zwei Wegen: Entweder investiert eine regionale Regierung im Zuge der Strukturentwicklung in eine als chancenreich erkannte Branche oder Unternehmen einer Branche sehen konkrete Projektchancen und treten von sich aus an die Regierung heran mit der Bitte um Unterstützung. Aus Ihrer bisherigen Erfahrung: Welche Variante kommt in Hessen öfter vor?
Gerrit Stratmann: Das ist von Branche zu Branche unterschiedlich. Es gibt erfolgreiche Clusterinitiativen wie den Automotive Cluster RheinMainNeckar, der gemeinsam von einer Gruppe von Unternehmern und regionalen Wirtschaftsförderern etabliert wurde und ehrenamtlich gemanagt wird. Grundsätzlich ist es dennoch so, dass die Entwicklung von Clusterinitiativen auch in Deutschland von der jeweiligen Landespolitik geprägt wird. Die Frage ist immer, in welcher Form das Fördergeld verteilt wird: Hessen geht dabei ganz bewusst einen Weg, den man als “bottom-up-Ansatz” bezeichnet. Die Initiative zur Vernetzung von Clustern muss von unten, den Akteuren in den Unternehmen und Regionen, kommen und kann nicht von der Politik “verordnet” werden. In Bayern wird hingegen eher eine “top-down-Strategie” verfolgt.
Zum Beispiel wird unser Wirtschaftsminister Dr. Alois Rhiel im Rahmen des ersten Clusterwettbewerbes des Landes Hessen Ende Mai die Sieger küren: Neben “alten Clustern” mit neuen Ideen für ihre Weiterentwicklung konnten auch völlig neue Clusterinitiativen bei diesem offenen Wettbewerb Konzepte einreichen. Es ist auch klar, dass in Deutschland EU-Förderungen das Entstehen von Clustern in den letzten zwei, drei Jahren sehr beschleunigt haben.
Wie unterscheidet eine Fördergesellschaft wie die Hessen Agentur zwischen Cluster und Netzwerk?
Gerrit Stratmann: Cluster und Netzwerke unterscheiden sich meiner Meinung nach vor allem durch den Grad der Einbindung von Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Innovationsaktivitäten. Ohne einen regionalen industriellen Clusterkern gibt es vielleicht Netzwerke, aber keine Clusterinitiative. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch der Erfahrungsaustausch zwischen den Clustern und Netzwerken. Hier können auch etablierte Netzwerke von neuen Netzen profitieren. Umgekeht natürlich umso mehr.
Was mich gleich zur nächsten Frage bringt: Wie koordiniert eine Wirtschaftsförderungs-Organisation wie die Hessen Agentur die verschiedenen Netzwerke und Cluster, für die sie (mit) verantwortlich ist?
Gerrit Stratmann: Wir haben in Hessen heute schon eine breite Palette an Clustern und Netzwerken z.B. in den Bereichen Automotive, Optik, Mikrosystemtechnik sowie Material- und Medizintechnik. Nun geht es darum, diese Cluster und Netzwerke auch im europäischen Rahmen einzubinden und von den Erfahrungen zu lernen. Ich selbst koordiniere mit dem TCAS ein europaweites Netzwerk von Clustern im Automotive-Sektor und weiß, welche Chancen und Herausforderungen es damit gibt. Es wird in Zukunft auch wichtig sein, die Cluster in Programme wie die Exzellenzzentren-Initiative und die europäischen Förderprogramme einzubinden.
Sie haben mittlerweile viele Clustermanager erlebt. Was macht Ihrer Erfahrung nach den guten Clustermanager aus?
Gerrit Stratmann: Ein Clustermanager muss Affinität zur und Erfahrung mit der Branche haben, um akzeptiert zu werden. Ideal ist eine ausgeprägte wirtschaftliche Erfahrung mit wissenschaftlichem Background. Erfolgreiche Clustermanager sind auch Persönlichkeiten und “können” mit den Menschen - kommunikative Kompetenz ist eine absolute Schlüsselqualifikation. Denn Clustermanager sind auch Übersetzer zwischen den Sprachen von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.
* Der promovierte Staatswissenschaftler Dr. Gerrit Stratmann leitet seit November 2000 die Geschäftsstelle des TechnologieTransferNetzwerks Hessen bei der HA Hessen Agentur GmbH und ist Mitglied des Vorstands des Mikrosystemtechnik-Netzwerks mst-Netzwerk Rhein-Main e.V und Koordinator des transnationalen Automotive-Cluster Verbunds TCAS im Rahmen der Europe Innova Initiative der Europäischen Union. Zuvor war Stratmann als Consultant im Bereich Kooperations-Management tätig, wirkte am Aufbau von Branchen-Clustern in Nordrhein-Westfalen und Österreich mit und entwarf ein Konzept zur transnationalen Vernetzung von Innovationsregionen im Auftrag der Europäischen Kommission.
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(c) Die Clusterlotsen, Franz Zuckriegl, 2008
Tags: clustermanagement, clustermodell, wirtschaftsstrategie